Klimafolgenforschung birgt Nutzen für jeden – Der Extremwetterkongress 2011 in Hamburg
Autor: Jürgen Beckmann
Der Bedarf an fundierten Informationen ist groß, volkswirtschaftliche Auswirkungen des Klimawandels
sind nicht jedem in ganzer Tragweite bewusst, dabei ist der Tenor dieses Kongresses jenseits von
Panikverbreitung und einseitigen wirtschaftlichen Interessen.
Die Abkehr von reißerischen Artikeln, die Zuwendung zur sachlich informierenden Berichterstattung sei
wünschenswert, so Dipl.-Met. Sven Plöger auf dem Extremwetterkongress vom 12.-15.04.2011 in
Hamburg. Der bekannte Meteorologe, Autor und Wettermoderator wünscht sich eine bessere
Zusammenarbeit mit den Medien zur Berichterstattung über extreme Wetterereignisse und plädiert
gleichzeitig für einen intensiveren Einzug der meteorologischen Zusammenhänge in die
Bildungsinhalte an Schulen. Dafür könnte angesichts der großen Zahl Schulklassen, die sich am
zweiten Tag bereits zu Vorträgen im Hauptgebäude der Universität Hamburg einfanden, einiges
sprechen.
Die Rolle der Wissenschaft und der Medien, um Themen zu Wetter und Klima zielführender an die
Gesellschaft heranzutragen und wie Experten den Medien helfen können, hier richtig zu entscheiden,
könnte zu einer Kernkompetenz des Kongresses werden. Eine einseitige Auswahl der Inhalte kann
man den Veranstaltern nicht vorwerfen. In seinem Vortrag „Warum brauchen wir immer erst die
Katastrophe“ ging Sven Plöger auch auf Kernfragen der Informationsweitergabe ein. Es kann nur
richtig sein, nicht nur über das Ansprechen von Ängsten und Emotionen eine Schlagzeile zu verfassen
und damit voyeuristisches Interesse an einer Katastrophe oder eines Ereignisses zu schüren. Man
muss gemeinsam daran arbeiten, dass Informationen Nutzen stiften für die Zukunft, eine
Sensibilisierung für den anthropogenen Einfluss auf das Klima herbeigeführt und im Idealfall die
Zusammenarbeit zu einem Warnmanagement aufgebaut wird, damit wetterbedingte, mögliche
Katastrophen im Vorfeld wahr genommen werden und notwendige Warnungen schnell die
Bevölkerung erreichen.
Das tragische Ereignis auf der A19, ein schwerer Unfall mit vielen Beteiligten zeigt auf, wie wichtig es
ist, dass ein interdisziplinärer Ansatz bei der Klimafolgenforschung verfolgt und gepflegt wird und das
klar wird, dass eine effiziente Betrachtung und Bewertung der Gefahren regionaler Wetterereignisse
nur geht unter Einbezug möglichst vieler Parameter aus der Meteorologie, der Flächennutzung, der
Raumplanung und der Verkehrsinfrastruktur.
Technisch und organisatorisch ist ein interaktives Warnmanagement sicher noch ferne Zukunft, dazu
bedarf es mehr als der Einsatz fleißiger Journalisten hergibt, wichtige Ansätze sind aber bereits
vorhanden. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) bedient sich ehrenamtlicher Wetterbeobachter und
Unwettermelder in ganz Deutschland, um ein möglichst flächendeckendes Netz von Daten zur
Auswertung von Extremwetterereignissen zu bekommen. Der Meteorologe und Tornadobeauftragte
des DWD, Andreas Friedrich, berichtete über die intensive Kooperation beispielsweise mit Skywarn
Deutschland e.V., der zurzeit etwa 200 Mitglieder hat. Durch den Verein zertifizierte „Spotter“
beobachten bzw. erkennen im Idealfall bereits die Entstehung eines Tornados und melden diese über
eine spezielle Hotline dem DWD und anderen meteorologischen Einrichtungen. Die Meteorologen im
Warndienst bekommen dabei eine automatische Info und können schließlich eine Unwetterwarnung
herausgeben. Trotz flächendeckender Radare und Wetterstationen, die Beobachtung und
Dokumentation von Wetterereignissen durch den Menschen ist für den DWD und andere
Wetterdienste durch Technik nicht zu ersetzen, daher wünscht man sich eine weitaus größere Zahl
ehrenamtlicher geschulter Wetterbeobachter. Es bleibt abzuwarten, wie Skywarn sich dieser
Herausforderung stellt, Interessierte können über die Website und ein Forum mit dem Vorstand
Kontakt aufnehmen.
Denkbar wäre weiterhin, in den Dialog für ein Warnmanagement oder zumindest eine erweiterte
Zusammenarbeit auf Projekte wie das European Storm Forecast Experiment (Estofex) zurück zu
greifen. Oliver Schlenczek, Diplomand der Meteorologie an der Universität Mainz, der bereits in 2008
mit seinem Vortrag auf dem EWK „Signifikante Schwergewitterlagen in Mitteleuropa“ vertreten war,
ist Mitglied in diesem Team von Wissenschaftlern und Studierenden, das eine Plattform betreibt zur
flächendeckenden Vorhersage von konvektiven Stürmen im gesamten Europa.
Erst seit der Klimadiskussion des vergangenen Jahrzehnts und durch das vermehrte Interesse der
Medien an Wetterereignissen als solche nimmt man vermehrt wahr, dass ein Tornado beispielsweise
kein Phänomen ist, welches in Amerika in der berühmten Tornado-Alley allein stattfindet, sondern
diese Erscheinung der Natur überall auftreten kann, wo die Bedingungen stimmen. Thilo Kühne vom
European Severe Storms Laboratory (ESSL), in den Kreisen der Wetterbeobachter bekannter
Schadensanalytiker nach Sturmereignissen, hat sich die Historie von Tornados in Europa zum Thema
seines Vortrages gemacht. Hier heißt es: „In Europa entstehen jährlich zwischen 350 und 650
Tornados. Eine Vielzahl dieser Ereignisse verursachen signifikante Schäden an Gebäuden und in
Wäldern, wobei eine nicht unerhebliche Zahl dieser Fälle über Osteuropa sowie dem östlichen
Mitteleuropa wütet.“ Seinen Ausführungen konnte man entnehmen, dass verheerende Tornados
schon immer auch außerhalb Nordamerikas gewütet haben und auch ausführlich in historischen
Schriften Erwähnung finden, interessanterweise unter recht fundierter Schadensanalyse seitens der
Zeitzeugen. Das Schadenspotential und die tatsächlich erfassten Schäden sind es, nach denen
Tornados in die Fujita-Skala eingeordnet werden, und nicht wie bei den Hurrikanen die
Windgeschwindigkeit, die zur Kategorisierung führt, da bisher niemand die Windstärke in einem
Tornado sicher gemessen hat.
Fakten sind es, die auf dem Kongress präsentiert werden und Erlebnisse von Menschen, die ihre
Erfahrungen und Beobachtungen in den Dienst der Wissenschaft stellen und ihre Aussagen und
Analysen bereitwillig hinterfragen lassen. Prof. Dr. Mojib Latif vom Leibniz Institut für
Meereswissenschaften (GEOMAR) in Kiel stellt die Frage „Was ist nur mit unserem Wetter los?“ und
beantwortet sie in der für ihn typischen Weise, in dem er vor allem über die Ereignisse der letzten
Zeit berichtet, von der Dürre in Russland, den Waldbränden überall auf unserem Planeten und den
verheerenden Überschwemmungen in Pakistan. Er lässt den Zuhörer nicht allein mit den Tatsachen,
er schildert sie in einer Weise, die auch den Laien anleitet, Bilder aufzunehmen und zu verstehen.
Auch hier bemerkt man, dass bestimmte Geschehnisse in den Fokus der Presse geraten und auch
ausführlich dokumentiert werden, aber dann schnell in Vergessenheit geraten, insbesondere dann,
wenn mit andauernd stattfindendem Missbrauch der Natur kein explizites und akutes Ereignis in
Zusammenhang gebracht werden kann. So finden Brände, die einen hohen CO2-Ausstoß provozieren,
natürliche Bestände vernichten und deren ursprüngliche Flächen anschließend einer nicht
nachhaltigen kommerziellen Nutzung unterzogen werden, an vielen Orten der Welt gerade jetzt und
andauernd statt, ohne dass von ihnen Notiz genommen wird. Auf die Frage des Autors, ob wir noch
die Chance haben, den schnellen Zug der Klimaentwicklung zu verlangsamen oder sogar eine andere
Richtung geben zu können, oder ob wir längst in der Phase der Resignation oder Anpassung
angekommen sind, antwortete Latif nach seinem Vortrag: „Anpassen müssen wir uns immer, auch
ohne den Klimawandel.“ Nach seiner Überzeugung reicht das, was man heute kollektiv weiß, um
einen schnellen Einstieg in die regenerativen Energien zu rechtfertigen.
Neben dem bekannten Klimaforscher waren weitere, durchaus nicht nur Wetterenthusiasten
bekannte Referenten geladen, hierzu gehörten u.a. Prof. Dr. Hans von Storch, Leiter des Helmholtz-
Zentrum Geesthacht, Prof. Dr. Hartmut Graßl vom Max-Planck-Institut für Meteorologie Hamburg
und Prof. Dr. Guy Brasseur, Leiter des Climate Service Center.
Ideale Ergänzung zu allen Vorträgen waren die Ausstellungen von Unternehmen, Instituten, Vereinen
und Einrichtungen, teilweise bereits seit den Anfängen des Kongresses im Jahr 2006 immer wieder
vertreten Hamburg und zweimal im Klimahaus in Bremerhaven, an denen man seinen
Informationsbedarf befriedigen, Kontakte knüpfen und weiterführendes Material erwerben konnte.
Besonders die Deutsche Meteorologische Gesellschaft (DMG) bemüht sich hier um den
Brückenschlag zwischen Wissenschaftlern und interessierter Öffentlichkeit, indem sie allen, nicht nur
Fachleuten Zugang zur Mitgliedschaft ermöglicht. Auf der Website der DMG heißt es:“ Dabei steht
die DMG nicht ausschließlich Meteorologen, sondern auch Wissenschaftlern verwandter
Fachbereiche, anderen wissenschaftlichen Gesellschaften, sowie Behörden, Firmen und Laien,
welche ähnliche Ziele wie die DMG fördern oder die Ziele der DMG unterstützen wollen, offen.“
Insbesondere Pädagogen wird der Kongress nachhaltige Hilfe sein bei der Themenauswahl für den
Unterricht, sind doch Programm und Ziel des Kongresses auch hierauf ausgerichtet. Frank Böttcher,
Leiter des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation, Mitveranstalter und Moderator des
Kongresses: „Ziel des Kongresses ist es, die breite Öffentlichkeit aus erster Hand über den Stand der
Wissenschaft zu informieren. Mit dem Schulprogramm wollen wir Schülerinnen und Schülern auch
zeigen, dass Wissenschaft spannend ist und sie motivieren, naturwissenschaftliche Fächer zu
studieren. Gleichzeitig fördert diese Form der Auseinandersetzung mit dem Thema Klimawandel
auch die persönliche Haltung. Jeder Schüler, der heute die Schule verlässt, sollte wissen, wie man mit
den Ressourcen unseres Planeten sorgsam umgeht.“
Gerade die Mischung von Wissenschaftlern, Meteorologen, Fachleuten aus einem großen
Querschnitt von Berufsgruppen, für die Kenntnis über das Wetter von Wichtigkeit ist,
semiprofessionellen Wetterbeobachtern und einfach nur kompetenten Interessierten unter den
Referenten und Ausstellern, die an allen Tagen für die Presse und das Publikum ansprechbar waren,
macht den Reiz dieses Kongresses aus. Damit existiert 5 Jahre nach dem ersten Kongress an gleicher
Stelle eine Plattform, die es möglich macht, in Zukunft eine weitaus größere Zahl von Menschen für
das Wetter und die klimatische Entwicklung zu sensibilisieren und die teilweise zwar leidenschaftlich,
aber oft ideologisch und durch wirtschaftliche Interessen geprägte Diskussion um den Klimawandel
auf ein anderes Niveau zu führen.
Man kann den Initiatoren gute Organisation bescheinigen und bei dieser Qualität der Präsentation
für die kommenden Monate und die Zeit vom 20. bis 24. März 2012, in der voraussichtlich der
nächste Kongress stattfindet, wieder den gewünschten Erfolg prognostizieren.
Jürgen Beckmann
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